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Wadim Bakatin: Im Innern des KGB
S. Fischer Verlag, 1993

Wadim Bakatin wurde von Präsident Gorbatschow nach dem erfolglosen Putsch gegen ihn im Augsut 1991 zum Vorsitzenden des KGB's ernannt. Er empfand die Bespitzelung demokratisch gesinnter Politiker durch den Apparat, dem er nun vorstand, als "einfach widerlich". Man mag es ihm glauben, auch wenn Andrej Sacharow einmal das Lügen als Berufskrankheit der Geheimdienstmitarbeiter bezeichnet hat.
Aber er mußte mit seinen Reformbestrebungen des Tscheka-Nachfolgers scheitern, denn eine Überführung in eine gesetzesabhängige Geheimdiensttätigkeit mit den alten Mitarbeitern
("Ich hoffe, mich auf diesen harten Kern von KGBProfis stützen zu können.", S. 163) verdient das Prädikat utopisch.

"Ich bin hingegangen, um mit dieser Behörde Schluß zu machen, so, wie ich es verstand. Doch einige Sonderdienste, ohne die kein Staat auskommt, sollten erhalten bleiben."
Damit reformierte der Machtapparat den Chef des Apparates - die Entlassung als Gorbatschow-Mann durch Präsident Jelzin nach dessen Konsolidierung war dann schon nebensächlich.

Das Kapitel
"Die Archive" übrigens beginnt der KGB-Mann mit einem Bibelzitat,

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde,
und ist nichts heimlich, was man nicht wissen werde.

Matthäus 10, 26

wobei er gerade in der Öffnung der Archive wenig erreichte: Er geht zum Beispiel von der Existenz der Sacharow-Akte in den Archiven aus, aber seine Anforderungen nach dem Vorgang ließen seine "Mitarbeiter" ins Leere laufen: Das Sacharow-Dossier ist angeblich bis auf einen winzigen Rest vernichtet. Bakatins Meinung hierzu:
"Ich kann es bis heute nicht glauben. Die Suche muß fortgesetzt werden. Wer einmal ? lügt, dem glaubt man nicht."

Seine Ausführungen bilden eine interessante Mentalitätsgeschichte, über den Apparat, die Politik und die Menschen in Rußland.
(Anmerkung von Jens Hensel)


"Natürlich wollte das KGB der Perestroika-Zeit in günstigerem Lichte dastehen, doch die lange und geheimnisvolle Kette der Verbrechen und Ungesetzlichkeiten behinderte es schwer. Bis zuletzt war das Komitee ein Staat im Staate, ..."

Über seine Gedanken im Hinblick auf seinen von Tschekisten unter falschen Vorwürfen erschossenen Großvater:
"Haß ist nicht in mir. Wahrscheinlich, weil es unmöglich ist, die Geschichte seiner Heimat zu hassen. Kennen muß man sie, wie auch immer sie gewesen sein mag. Es ist ein Verbrechen, die Geschichte des Volkes vor dem Volk zu verbergen. Doch wir haben sie verborgen, und wir tun es, wo wir nur können, bis heute. Zwar sind inzwischen die kommunistischen Ideologen abgetreten oder aufs Präsidentenamt umgestiegen, aber bestimmte Dinge kaschieren wir weiter.
Weshalb? Weil wir es gut meinen? Um die Menschen vor Leid zu bewahren, vor dem Verlust von "Idealen" und Idolen"? Oder tun wir es aus Angst vor der Rache für die Vergehen unserer Vorgänger in Partei und Tscheka? Ich weiß es nicht.
Doch von dem unheimlichen Schweif von Verbrechen und Ungesetzlichkeiten kann sich das KGB nur befreien, wenn die ganze Wahrheit, so bitter sie auch sein mag, ans Licht gebracht wird. Die Rehabilitierung der unschuldigen Opfer ist zwar eine edle Sache, aber noch nicht die ganze Wahrheit."

"Zu Beginn der Perestroika war das Komitee für Staatssicherheit eine Behörde, die überall präsent war, alle Seiten des gesellschaftlichen Lebens kontrollierte. Ohne ihre Beseitigung oder ernsthafte Reformierung, ohne eine effektive staatliche und gesellschaftliche Kontrolle über die Geheimdienste bestand keine Aussicht auf Erfolg der demokratischen Reformen.
Daß Gorbatschow bis zum Putsch (bis Foros) die Gefährlichkeit dieses ungeheuren Repressionsapparates, der lediglich Mimikry betrieb, wenn er Loyalität gegenüber der Politik des Wandels demonstrierte, dabei aber vielen Traditionen des Tschekismus treu blieb, unterschätzte, war einer seiner entscheidenden Fehler.
...
Und das war einer der Hauptgründe, weshalb während der gesamten Dauer der Perestroika die Struktur und vor allem die Hauptfunktionen des KGB im Unterschied zu anderen staatlichen Institutionen praktisch unangetastet blieben.
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Daß die KGB-Führung den Kreml und die Staraja Ploschtschad [das ZK der KPdSU auf dem Alten Platz] bewußt desinformierte, wäre zuviel gesagt. Sie informierte sie einfach über das, was sie für nötig hielt.
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[...im zentralen Bereich des KGB gab es] die Abteilung X, zu der das Untersuchungsgefängnis und die Archive gehörten - eine unikale Dokumentensammlung, zu der kein Forscher oder Journalist je Zutritt erhielt; ...
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Wenn man will, weiß man in dieser Institution Geheimnisse zu hüten. Das größte Interesse bestand an den Akten, die Andrej Sacharow, Alexander Solschenizyn, Lee Harvey Oswald, das Schicksal der amerikanischen Kriegsgefangenen in Vietnam, Raoul Wallenberg und die Umstände des Attentats auf Papst Johannes Paul II. betrafen. Und bei keinem dieser Fälle ging es ohne Komplikationen.
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Als KGB-Vorsitzender forderte ich aus dem Archiv sämtliche Dokumente zu diesem Fall [Wallenberg] an. Man berichtete mir, es gebe etwa ein Dutzend Dokumente, von denen fünf der Öffentlichkeit unbekannt seien. Am 4. September (1991) wurden diese fünf Dokumente dem schwedischen Botschafter Berner übergeben.
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Aus dem, was mir über den Fall Wallenberg berichtet wurde, ergibt sich für mich eine Version, die freilich keinen Anspruch auf Endgültigkeit erheben kann.

Wallenberg wurde von einer SMERSH-Einheit der 2. Ukrainischen Front festgenommen, wahrscheinlich unter Spionageverdacht. Für wen er spioniert haben soll, ist nicht bekannt.
[... man versuchte], die Spuren zu verwischen. Wahrschinlich enthielt der (bisher nicht aufgefundene) Brief Abakumows [Geheimdienstchef unter Stalin, nach dessen Tod ermordet] an Molotow den Vorschlag, Wallenberg zu vernichten. Natürlich konnte eine derartige Frage nur von Stalin selbst entschieden werden.
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Wahrscheinlich entledigte man sich Wallenbergs. Alle Dokumente ließ man selbstverständlich vernichten.