Raoul Wallenberg Zurück zur Startseite
     
 
Heinz Galinski
Ansprache des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin,anläßlich der Ausstellungseröffnung Raoul Wallenberg
17. Januar 1992, Berlin

Heinz Galinski eröffnete eine Wallenberg-Ausstellung (Berlin 1992).

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Mittelpunkt meiner öffentlichen Tätigkeit steht die undankbare Rolle des Mahners. Selten wird mir wie heute die Aufgabe zuteil, mit Worten des höchsten Respekts und der tiefsten Verbundenheit die Taten eine Untadeligen zu würdigen, dessen Existenz allein für alle Zeiten bewiesen hatte, daß es möglich war, in einer Zeit der Unmenschlichkeit Mensch zu bleiben.

Um so dankbarer bin ich für eine solche Aufgabe.

In Budapest, in Jerusalem, in New York, aber auch in dieser Stadt Berlin leben heute noch Menschen, die Raoul Wallenberg als Wundertäter, als märchenhaften Retter seit Jahrzehnten im Gedächtnis bewahren.
...
Was war es, womit sich Raoul Wallenberg während der Schreckenszeit von Millionen anderer Europäer unterschied, die es geschafft hatten, vor dem zum Himmel schreienden Unrecht vor der eigenen Haustür die Augen und die Ohren zu verschließen? Warum gerade er und warum nur er? Was war das Besondere, das ihm die Kraft und den Mut gab, welche Millionen von anderen Menschen fehlte?

Wir wissen die Antworten auf diese Fragen nicht, und wir können ihn selbst, den Lebensretter Raoul Wallenberg, heute auch nicht fragen. Aber und man mag mich jetzt für einen unverbesserlichen Optimisten halten wir geben die Hoffnung nicht auf, daß wir ihm eines Tages zusammen mit den höchsten Würdigungen auch diese Fragen stellen können. Denn für mich lebt Raoul Wallenberg, solange nicht ein überzeugender Beweis seines Ablebens erbracht wird.

Und bis zum heutigen Tage ist ein solcher Beweis nach meinem Dafürhalten nicht erbracht worden.

Dies war meine Haltung schon im Jahre 1957, als die Jüdische Gemeinde zu Berlin über die Hände seiner schwedischen Angehörigen Raoul Wallenberg den Heinrich-Stahl-Preis verliehen hatte, und zwar - und das möchte ich betonen - keineswegs post mortem, sondern in absentia.

Die gerade in jenem Jahr von den sowjetischen Behörden verbreitete Meldung über den vermeintlichen Tod von 1947 überzeugte schon damals nicht, und sie überzeugt noch weit weniger heute. Wir alle wissen es, und es wird in der heutigen Veranstaltung noch deutlicher, als bei vielen anderen Anlässen, daß zumindest gute Gründe für unsere Zweifel an den immer wieder verbreiteten Todesmeldungen bestehen.

Dafür spricht sowohl die Unmöglichkeit, die diesbezüglichen Erklärungen zu überprüfen, als auch die vielen Zeugenaussagen noch aus den letzten Jahren, die unsere Hoffnung rechtfertigen.
...
Und es ist kein Zufall, daß die beiden Begriffe, die wir als unvereinabr mit dem Namen Wallenberg ansehen müssen, gerade Angst und Haß sind. Denn Angst und Haß gehören zueinander und produzieren einander, rufen einander hervor: aus Angst entsteht Haß und aus Haß entsteht Angst, wie wir es auch heute an den bedrohlichen Erscheinungen der rechtsradikalen und neonazistischen Szene gegenüber Ausländern und allen Fremden beobachten müssen.

Und aus dem, was Raoul Wallenberg für die ungarischen Juden getan hat, kann und muß gefolgert werden, daß er damals Gefühle von Angst und Haß nicht kannte, wobei im zweifachen Sinne zu hoffen ist, daß er sie auch heute noch nicht kennt.
...
Daher darf weder heute und hier noch bei anderen ähnlichen Anlässen, die gar nicht oft genug veranstaltet werden können, nicht das Andenken Raoul Wallenbergs gewürdigt, sondern es muß die Suche nach ihm und seine Freilassung gefordert werden.

Denn angesichts der heutigen weltpolitischen Situation, angesichts des Zerfalls der Sowjetunion und der dazugehörenden Machtstrukturen ist es ein Absurdum und ein Hohn, einen nunmehr alten Mann seinem Schicksal und eigentlich dem Zufall allein zu überlassen.

Hier ist jeder anständige Mensch gefordert, und selbstverständlich im verstärkten Maße die jüdische Gemeinschaft.