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Stefan Karner: Die sowjetische Hauptverwaltung für Kriegsgefangene und Internierte
aus: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1994, S. 447 f (Auszug).

Die Existenz staatlicher Lagernetze, von Arbeitsbataillonen, von Besserungsarbeitslagern und Kolonien und von Straflagern zur planmäßigen Verfolgung von Sowjetbürgern und Ausländern war in der Sowjetunion bis in die fünfziger Jahre totgeschwiegen worden.
Offiziell existierten die "Archipele" der Lager (in der sowjetischen Terminologie auch als "Konzentrationslager" bezeichnet) bis zur Abrechnung Chruschtschows mit Stalin nicht; über die Lager für Ausländer und Kriegsgefangene wurde noch bis in die jüngste Zeit Stillschweigen bewahrt: "Aufbewahren auf ewig" ("chranit' wetschno") und "Streng geheim" signalisieren auf den Kartons der Akten der ehemaligen Hauptverwaltung für Kriegsgefangene und Zivilinternierte, daß deren zumeist penibel geführter Inhalt niemals ans Licht der Öffentlichkeit hätte gelangen sollen. ...
Während jedoch der GULAG - vor allem durch die zahlreichen Publikationen - allgemein bekannt ist, blieb die Kenntnis der Existenz der GUPWI-Lagerverwaltung (Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten, im wesentlichen ausländische Kriegsgefangene) weitgehend im Dunklen..."

Der Aufsatz befaßt sich dann im weiteren mit der Struktur und Entwicklung der GUPWI-Lager.

"Die GUPWI wurde bis 1953/55 zum "Gulag der Kriegsgefangenen und Internierten" von über 4 Millionen registrierten ehemaligen Soldaten und Zivilisten, die vor allem die Rote Armee, aber auch andere sowjetische Organe auf dem westlichen und fernöstlichen Kriegsschauplatz Zwischen 1939 und 1949/50 festgenommen hatten. ...
Nicht mehr zum System der GUPWI, sondern zu anderen Institutionen des stalinschen Terrorapparates zählen organisatorisch die ... Gefängnisse, die dem GULAG des NKWD, dem Justizministerium und dem KGB unterstanden. Kriegsgefangene wurden in diese Einrichtungen nur nach Verurteilungen oder zur U-Haft eingewiesen. Zivilgefangene und Zivilinternierte wurden praktisch ausschließlich innerhalb dieses Systems festgehalten. Die GUPWI hatte in diesen Lagern allenfalls TeilKompetenzen erhalten.
Standorte wie Workuta, Kolyma, Karanganda, Pot'ma, Wladimir oder die Lubjanka (das "Innere Gefängnis" des KGB in Moskau) gelten bis heute als Synonyme für Außenstellen des KGB und des GULAG. ...
1951 wurde die GUPWI wieder in UPWI des MWD der UdSSR rückbenannt ..., was auch wieder die faktische Unterstellung der Verwaltung für Kriegsgefangene und Internierte unter den GULAG bedeutete. Dies hatte seinen Grund auch darin, daß nach der Repatriierung der Kriegsgefangenen, zur Jahreswende 1949/50 in den GUPWI-Lagern bzw. den mit MWD-Befehl vom 21. Juni 1949 neuformierten Straflagern (im Ural, in der Ukraine, in Weißrußland, sowie in den Gebieten Kemerowo und Nowgorod) praktisch nur noch verurteilte Kriegsgefangene, selten zivile verurteilte Internierte, verblieben waren. Verurteilte Kriegsgefangene wurden auch in GULAG-Lager überstellt, wogegen verurteilte ausländische Zivilisten fast ausschließlich im GULAG bzw. seinen entsprechenden Sonderlagern waren.
In den Lagern der GUPWI gab es rund 3,5 Mio. westliche Kriegsgefangene und Internierte aus über 30 Nationalitäten, darunter neben Deutschen, Ungarn und Österreichern auch Holländer, Franzosen, Amerikaner oder Luxemburger.