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Roy Medwedjew, russischer Historiker, im Interview
"Neuen Deutschland", 4. Dezember 1992 (Auszug)

Frage: Dokumente zur Teilung Litauens durch Hitler und Stalin, zur Tragödie von Katyn, und zum Fall Wallenberg haben in jüngster Zeit für Aufsehen gesorgt. Was sind das für Archive, aus denen sie ans Licht kommen?

Roy Medwedjew: Besondere Archive, von deren Existenz niemand etwas wußte. Man glaubte, daß überhaupt keine Dokumente existieren. Erst nach dem Rücktritt Gorbatschows zeigte sich, daß ein streng geheimes Sonderarchiv existierte. Darin wurden Dorkumente nur in einem Exemplar aufbewahrt. Über sie verfügte nur ein Mensch - der Generalsekretär des ZK der KPdSU. Diese Recht hatten Stalin, Chruschtschow, Breschnew, Tchernenko, Andropow und Gorbatschow, und niemand sonst.

Frage: Kannte Gorbatschow den Inhalt seines Spezial-Archivs?

Medwedjew: ... Diese Materialien sind so explosiv, daß man sie mit dem schwarzen Koffer, in dem der Code zum Einsatz der Atomwaffen ist, vergleichen kann. Zum Beispiel wußten alle, daß es irgendeinen Brief der tschechoslowakischen Kommunisten mit der Bitte um den Einmarsch der Truppen gab. Doch nirgends war dieses Papier, und niemand wußte, wer es unterschrieben hatte. Jetzt fand es sich.Wie die Dokumente zum Pakt Ribbentrop-Molotow oder Katyn.

Frage: Es geht dabei um Explosiv-Stoffe?

Medwedjew: Ja, ... Doch manches wird auch nicht bekannt, weil niemand das Gesicht verlieren möchte. Die Geschichte jedes Staates hat Geheimnisse, die selbst nicht in 30, 50 oder 100 Jahren offenbart werden.

Frage: Nicht alle Archive aber sind inzwischen geöffnet?

Medwedjew: Sie öffnen sich schrittweise, doch offenkundig werden sie nicht alle Gegenstand der "Glasnost". Daran ist weder der Staat noch Jelzin noch irgend jemand sonst interessiert. ...

Frage: Doch ohne die früheren sowjetischen Archive kann man die Geschichte nicht schreiben?

Medwedjew: ... Uns erwarten noch viele interessante Offenbarungen.