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Artikel von Andrej Sacharow
Auch ich habe Raoul Wallenberg gesucht

Quelle: Moskau News, Oktober 1989, deutschsprachige Ausgabe, Auszug

Andrej Sacharow trifft Bruder und Schwester (rechte Bildseite)
und Mitglieder des schwedischen Wallenberg-Komitees.

Ebenso wie Tausenden Menschen in der Welt macht mir das Schicksal Raoul Wallenbergs Sorge. Die amtlichen Erklärungen, wonach es in den KGB-Archiven keine Wallenberg-Akte gebe, sind meines Erachtens unglaubwürdig. Alle Papiere dieser Art werden mit dem Stempel "Zu unbefristeter Aufbewahrung" versehen. Und die Akten über einen ausländischen Diplomaten, die zu irgendeinem Zeitpunkt für den Ruf des Landes und seiner Führung von ungeheurer Bedeutung sein könnten, hätte man erst recht nicht vernichten dürfen. ...
Anfang der 70-er Jahre erheilt ich einen Brief von Wallenbergs Mutter, die mich ersuchte, bei den Nachforschungen nach ihrem Sohn behilflich zu sein. Nach ihrem Tod kam Raoul Wallenbergs Bruder (mütterlicherseits), Guy von Dardel. ...
Dardel gab uns (1988) eine andere Adresse und teilte uns auch die Nummer des Lagers mit, in dem Wallenberg angeblich inhaftiert war. Mein Frau und ich unternahmen wieder eine Erkundungstour. ...
Nach kurzer Zeit fuhren wir vor einer typischen "Einrichtung" (so werden bei uns Lager, Gefängnisse, Heilanstalten und andere Institutionen, die nicht allzu sehr auffallen sollen, schamhaft bezeichnet) vor.
Es hatte einen Stacheldrahtzaun mit Wachtürmen an den Ecken. An der Pförtnerloge glänzte ein Schild mit der Nummer. Ein Hauptmann und einige Leutnants, die wahrscheinlich gerade vom Dienst abgelöst wurden, bestiegen einen Geländewagen.
Ich trat an sie heran und sagte, ich suche einen Häftling, einen Polen. Die Offiziere waren einen Augenblick verwirrt (oder kam es mir nur so vor), dann aber sagte der Hauptmann: "Hier sind keine Polen. Sie sind woanders."
Das Gespräch fortzusetzen wäre nutzlos gewesen.

(Anm.: Andrej Sacharow fragte nach einem polnischen Gefangenen, da Informationen vorliegen, wonach Raoul Wallenbergs Mitgefangene Polen sind. Die Frage nach einem Schweden wäre sinnlos gewesen.)