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Die Rettungsaktion
Die Situation in Budapest und die Ankunft Wallenbergs
Als Wallenberg die Aufgabe angetragen wurde, eine Rettungsaktion zu leiten, mit der die letzten europäischen Juden in Ungarn gerettet werden sollten, sagte er sofort zu.

"Er wuchs mit der Aufgabe und überragt Millionen Menschen, die apathisch, gleichgültig oder ohnmächtig dem millionenfachen Morden zugesehen haben."
(Simon Wiesenthal)


Gefragt hatte ihn der schwedische Vertreter des US-amerikanischen War Refugee Board (WRB), der eine geeignete Person für die Aufgabe finden sollte. Das WRB wurde im Frühjahr 1944 von dem US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt gegründet. Unter Einschaltung diplomatischer Kanäle und mit internationalen Druck sollte den verfolgten Juden geholfen werden. Verschiedene US-amerikanische jüdische Organisationen und die US-amerikanische Regierung statteten das WRB mit Geld für die Durchführung seiner Aufgaben aus.

In Ungarn waren zwischen dem 14. Mai und dem 8. Juli 1944 437.402 Frauen, Männer und Kinder jüdischen Glaubens in die Vernichtungslager verbracht worden. Circa 200.000 Juden hatten in Budapest Zuflucht gesucht, ihnen galt die Hilfe. Sicherlich auch im Hinblick auf die vielen Proteste aus dem Ausland stoppte der ungarische Reichsverweser Admiral Horthy die Deportationen im Juli 1944 und verschaffte den Menschen zunächst eine Atempause.

Mit Raoul Wallenberg traf am 9. Juli 1944 der richtige Mann in Budapest ein, um die in den Anfängen bereits eingeleiteten Rettungsaktionen fortzuführen und zu koordinieren. Versehen mit einem Diplomatenpaß zum Schutz seiner Person und Geldern des WRB ging er unverzüglich und gelegentlich in sehr undiplomatischer Weise vor.

Er stellte in der ungarischen Hauptstadt für unzählige Menschen einen von ihm selbst entworfenen Schutzpaß aus, der seinen Inhaber unter den Schutz der königlichschwedischen Gesandtschaft stellte. Sodann verschaffte er den Verfolgten Wohnungen auf exterritorialem Gebiet und versorgte sie mit Essen und Medikamenten.

Pozsony ut. 10 - ein schwedisches Schutzhaus in Budapest.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird eine Straße in dem Bereich, in dem viele Schutzhäuser lagen, seinen Namen tragen.

Er bezog für seine Arbeit ein Büro außerhalb der schwedischen Gesandtschaft in der Üllöi ut. 4 und organisierte mit seinen Mitarbeitern die von ihm für die geretteten Juden errichtete "Stadt in der Stadt".

Per Anger arbeitete als Diplomat in der schwedischen Gesandtschaft in Budapest. Er erinnert sich und gibt seinen Eindruck der Persönlichkeit von Raoul Wallenberg wieder:

"Er vereinigte in sich zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Uns, seinen Mitarbeitern, zeigte er das Ruhige, Humorvolle, Intellektuelle und Warmherzige seines Wesens. Eine andere Seite offenbarte er gegenüber den Nazis: er verwandelte sich in eine aggressive Person, die sie bei jeder Gelegenheit anschreien und ihnen drohen konnte, ihnen bei anderer Gelegenheit schmeicheln konnte und sie sogar bestach, ganz wie es die Umstände verlangten."

Der Putsch durch die ungarischen Faschisten und seine Folgen 

Raoul Wallenberg zeigte sich im September zufrieden mit dem Erfolg aller seiner Bemühungen, die Situation für die von der schwedischen Gesandtschaft betreuten Juden zu verbessern. Nachdem aber Reichsverweser Horthy in einer ungenügend vorbereiteten Aktion versuchte, die Souveränität über sein Land wieder zu erlangen, schlugen die Gegenkräfte am 15. Oktober 1944 zurück:

Die Pfeilkreuzler (so bezeichneten sich die ungarischen Faschisten) ergriffen die Macht und erzwangen mit deutscher Unterstützung die Einsetzung ihres Anführers als Ministerpräsidenten. Zwei Tage später befand sich dann wieder Adolf Eichmann in Budapest, um die Deportation der verbliebenen Juden persönlich zu leiten.

Der erste Bericht des jungen schwedischen Diplomaten nach dem Putsch der ungarischen Faschisten im Oktober 1944 unter dem Datum des 22. Oktobers 1944 bietet eine Beschreibung der von großer Brutalität gekennzeichneten Situation.

Neben seiner unmittelbaren humanitären Hilfe stellte Raoul Wallenberg Kontakte zu anderen Vertretern neutraler Länder her, um gemeinsame Aktivitäten einzuleiten. Nachdem die Juden auf Veranlassung Adolf Eichmanns ab dem 8. November 1944 in Ermangelung von Transportkapazität zu Fuß in Richtung österreichische Grenze deportiert wurden, intervenierten der Apostolische Nuntius, Angelo Rotta, der schwedische Gesandte Danielsson, der schweizer sowie der spanische Geschäftsträger, Harald Feller und Gorgio Perlasca, und der portugiesische Gesandte Graf Pongracz äußerst scharf in einer gemeinsamen Note. Sie forderten die Einstellung der unter unmenschlichsten Bedingungen durchgeführten Todesmärsche.

Die Note veranschaulicht den Willen, das Unrechtsregime direkt anzugehen, ihr blieb aber der Erfolg gegenüber einer zum eigenen Untergang fest entschlossenen Regierung versagt.

Deportation der Juden vom St.-Joseph-Bahnhof in Budapest.
(Kreis: Raoul Wallenberg)

Neben den vorgenannten Aktivitäten griff der sehr undiplomatische Diplomat oftmals nur in Begleitung seines Fahrers, Vilmos Langfelder, ein und rettete in Auseinandersetzungen mit deutschen Einheiten bzw. ungarischen Gendarmen Juden. Er versuchte ebenfalls, aus den Todesmärschen Menschen zu befreien und nach Budapest zurückzubringen.

Er gab vor, sie würden dem von der schwedischen Gesandtschaft geschützten Kontingent angehören. Nach harten und von seiner Seite aus energisch geführten Verhandlungen hatte er in manchen Situationen Erfolg.

Das letzte Bild des in Freiheit befindlichen Raoul Wallenberg - November 1944.

Gleichfalls mischte sich Carl Lutz, der Leiter der Schutzmachtabteilung der Schweizer Gesandtschaft, ein und holte aus den Todesmärschen Menschen heraus. Lutz hatte verfolgten Juden Palästina-Zertifikate verschafft und ohne Rücksprache mit seiner Regierung Schutzbriefe unter Bezugnahme auf einen Kollektivpaß ausgestellt. Ein Baum erinnert heute in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem an das humanitäre Wirken des schweizer Diplomaten und seiner Frau.